Das war der Marche des Parapluies


An diesem Samstagmorgen versammelten sich viele Menschen am Bahnhofsvorplatz in der Landeshauptstadt Mainz. Bei gutem Wetter gab es wieder die Möglichkeit, die mitgebrachten Schirme mit passenden Sprüchen besprühen zu lassen. Natalie vom Flüchtlingsrat RLP eröffnete den Marche des Parapluies.

Leonie hielt den ersten Redebeitrag und sprach über die Träume der Menschen, und über diejenigen, denen diese verwehrt bleiben: „Und dann gibt es Menschen, die einfach nur davon träumen, irgendwann einmal willkommen zu sein. Oder irgendwann mal zu Hause zu sein. Ein zu Hause zu haben.
Geflüchteten Menschen werden zunehmend Rechte genommen und es wird aktiv daran gearbeitet, dass sie keine Möglichkeiten mehr haben diese zu erhalten. Regierungen und Rechte Kräfte geben ihnen nicht nur das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein, sie beschließen Gesetze, wie die GEAS-Reform – das gemeinsame europäische Asylsystem – und nehmen ihnen Ressourcen, Möglichkeiten an Teilhabe wie Integrationskursen und Sprachkursen. (…) Jede Person muss gehört werden! Der Einzelfall zählt!  KEINE Abschiebungen nach Afghanistan! In einer Gesellschaft, in der Frauen systematisch unterdrückt und verfolgt werden, kann Niemand in Menschenwürde leben. Wir fordern, dass die seit 12.6. in Kraft getretene GEAS Reform und Rheinland-Pfalz menschenrechtskonform ausgestaltet wird: keine Sekundärmigrationszentren in RLP! Der Flüchtlingsrat fordert keine Ausweitung der Haft für Schutzsuchende! Keine de facto Inhaftierung von Kindern! Faire und unabhängige Asylverfahrensberatung muss jedem geflüchteten Menschen kostenfrei zur Verfügung stehen.“ Die AGARP forderte wie viele der anderen Redner:innen keine Sekundärmigrationszentren in RLP und bekamen großen Zuspruch aus der Menge. Zum Schluss sprach Zara der Rainbow Refugees über die Lebenssituationen zu Transmenschen aus und in Pakistan, die der Demo sehr nah ging: „Mein Name ist Zara
Ich bin eine trans Frau aus Pakistan. Ich habe mein Land nicht verlassen, um ein einfacheres Leben zu haben. Ich musste mein Land verlassen, um zu überleben.
In Pakistan habe ich nicht leise und in Angst gelebt. Ich war öffentlich sichtbar! Meine Mitmenschen haben mich gesehen. Und danach wurde mein Leben umso gefährlicher.“ Zara erzählte, dass ihr Bruder sie nicht als Frau akzeptierte, ihre Existenz als „schamvoll und verboten“ sah und sie bedrohte: „Er hat mich bedroht, mich geschlagen und mir zu verstehen gegeben, dass er mich nicht leben lassen wird, wie ich bin. Andere wandten sich auch gegen mich. Ich wurde beleidigt, gedemütigt und behandelt, als ob ich nicht existieren würde.
Pakistan ist nicht sicher für Trans-Menschen.
Ja, es gab eine Zeit, in der Rechte für Trans Menschen auf dem Papier gestärkt wurden. Es gibt aber keine Anerkennung eines dritten Geschlechts. Und Rechte auf dem Papier schützen dich nicht, wenn deine Familie dich umbringen will. Und jetzt werden sogar diese wenigen Rechte wieder eingeschränkt. Wenn ich zurück nach Pakistan muss, muss ich um mein Leben fürchten.Aber heute möchte ich etwas noch wichtigeres sagen. Immer mehr queere Geflüchtete werden im Moment abgelehnt. Erst Recht aus Pakistan. Wieder und wieder wird an unseren Aussagen gezweifelt. Wieder und Wieder wird uns gesagt, dass wir schon irgendwie dort leben könnten. Aber das können wir nicht! Wir bitten um Solidarität! Von der queeren Community, von Menschen, die wissen was es heißt um Würde zu kämpfen. Und von jedem, der daran glaubt, dass ein Menschenleben etwas Wert ist.“ Zum Schluss bittet Zara: „Bitte lasst uns nicht allein! In Pakistan würden wir nicht überleben. Hier, mit Eurer Solidarität, haben wir eine Chance zu überleben“

Nach der bewegenden Rede von Zara startete der Demozug in Richtung Große Bleiche über den Münsterplatz, zur Bauhofstraße über die Hintere Bleiche, Kaiser-Friedrich-Straße bis hin zum Helmut-Kohl-Platz. Laute Rufe wie: „Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!“, und „We are unstoppable, another world is possible“ und laute Musik begleiteten unsere Demo und schallten durch die Straßen! Am Helmut-Kohl-Platz erwarteten bereits mehrere Infostände und die Bühne für die Band den Demozug. Unter den Bäumen, die uns allen bei der Hitze Schatten spendeten, informierten die AGARP mit einer Kinderstation, die Soligruppe INGA, der Flüchtlingsrat RLP mit civi kune RLP, der Initiativausschuss für Migrationspolitik, Arbeit und Gesundheit und die Amnesty International Hochschulgruppe Mainz Interessierte über ihre jeweiligen Organisationen. Während des Demozugs verteilten wir Passant*innen Eiscreme-Becher und die Petition „Menschen schützen, nicht Milizen schulen“ von SOS Humanity und luden diese zu unseren Ständen ein.

Auch hier am Platz gab es vor der Band zwei Redebeiträge. Torsten vom Initiativausschuss für Migrationspolitik kritisiert in seiner Rede den Rückbau fundamentaler Menschen- und Verfahrensrechte von Flüchtlingen, durch das Austrocknen und Kriminalisieren von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen und den Verwaltungs- und Behördenhandel, der bestehende Gestaltungsspielräume in der Regel zum Nachteil für Geflüchtete nutzt, und über zehn mal zu viel „Nein“ sagt als einmal zu viel „Ja“. „Das ist die bittere Realität! Wir haben denen gedacht, die auf der Flucht wegen dieser Haltung um ihr leben gebracht wurden oder jetzt in Lebensgefahr harren müssen, weil sie ohne Chancen auf Aufnahme nicht mehr fliehen können. Und wir haben denen gedankt, die sich nicht damit abfinden wollen, die sich weiter einsetzen, die weiter widersprechen und die weiter solidarisch sind. (..) Ich weiß nicht, ob wir immer noch mehr sind, aber wir müssen dafür sorgen, dass wir so viele bleiben wie wir heute sind!“

Jari von Armut und Gesundheit forderte in seinem Redebeitrag Gesundheitsversorgung als Grundrecht, nicht als Privileg und Flüchtlingen, die medizinische Leistung zuteil werden zu lassen, die ihnen letztendlich zusteht. Die Band „Silberne Nelke“ heizte die Menschenmasse ordentlich mit ihren Songs ein. Es wurde viel getanzt, gelacht und sich ausgetauscht. Andere Städte haben bei unserer Fotoaktion (s. unten) mitgemacht. Während wir in Mainz gemeinsam auf die Straße gingen, gab es auch in Lahnstein eine Fotoaktion, organisiert vom Runder Tisch Lahnstein. Auch hier wurden bunte Regenschirme als Zeichen des Schutzes aufgespannt, um sich anlässlich dieses Tages an der Aktion „Regenschirm-Marsch“ zu beteiligen, da eine Anreise zu weit war. Der SWR war auch wieder am Bahnhofsvorplatz dabei und hat einen kleinen Beitrag vom Marche des Parapluies für ihre Sendung SWR Aktuell gedreht.

Wir danken allen Teilnehmer:innen und Unterstützer:innen für diesen eindrucksvollen Tag. Es ist toll, jedes Jahr mehr und mehr handbemalte Schirme mit Forderungen zu sehen! Wir hoffen, auch nächstes Jahr wieder mit euch gemeinsam ein starkes Zeichen für Menschenrechte setzen zu können! Ebenfalls ein großes Dankeschön an alle Mitorganisator:innen für die Planung und Umsetzung dieser Veranstaltung, danke an Ben & Jerrys, die uns als Partner dieser Veranstaltung unterstützt haben. Danke an alle, die ihre Gedanken in Form einer Rede geteilt haben und danke an Rainald König von Armut und Leben für die vielen schönen Fotos der Veranstaltung.

Hier eingie Eindrücke vom Marche des Parapluies am 20.06.2026:

© R. König
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© Flüchtlingsrat RLP
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